(Vorbemerkung: das hier sind nur meine Gedanken, und dieser Text hat keinen wissenschaftlichen Anspruch. Was ich schreibe und schlussfolgere, speist sich aus meinem aktuellen Wissensstand. Ergänzungen und Korrekturen sind in den Kommentaren sehr gerne gesehen!)
Es ist der 8. März, Internationaler Frauentag. Als selbstbezeichnete Feministin (bzw. Equivalistin¹) komme ich natürlich nicht daran vorbei, und finde dieses Datum generell ziemlich wichtig. Abgesehen davon, dass feministische Arbeit jeden Tag stattfindet; an einem besonderen Datum umfassend und medial zu informieren sorgt dafür, dass mehr Menschen hinhören, nachlesen und für den Rest des Jahres neuen Input zur Verbesserung der Lage beisteuern können.
Deswegen picke ich mir auch ein Thema raus, das im Moment wahrscheinlich wie kaum ein anderes polarisiert. Manch eine_r rollt schon mit den Augen, wenn nur das Wort Frauenquote fällt. In Gesprächen mit Menschen, die dem Ganzen eher kritisch gegenüberstehen, sind mir folgende Dinge aufgefallen.
- Der konstante Irrglaube, die Frauenquote diene dazu, Frauen² lediglich aufgrund der Tatsache, dass sie weiblich sind, in die Vorstände und in Führungspositionen zu katapultieren.
- Das Argument, dass Frauen doch schon gleichgestellt seien, und alle beruflichen Chancen hätten, sodass sich die Diskussion um die Frauenquote als Problematik entpuppt, die in der “mangelnden Durchsetzungkraft” der Frauen begründet ist.
Räumen wir also erstmal auf, bevor es zur Sache geht.
“Frauen werden mit der Quote nur eingestellt, weil sie Frauen sind.”
Falsch.
Das Phänomen, dem Frauen hier begegnen, nennt sich “Gläserne Decken”.
Natürlich haben Frauen rein theoretisch alle Möglichkeiten, ebenso hochgestellte, einflussreiche (und gut bezahlte) Positionen zu belegen wie ihre männlichen Kollegen. Dafür müssen sie die Gelegenheit bekommen, sich auf höhere Posten zu bewerben und befördert zu werden. Und genau daran scheitert es. Offenbar ist es in vielen Firmen und Instituten immer noch gängig, die höhergestellte Position erstmal den männlichen Kollegen anzubieten. Oder sie nicht öffentlich auszuschreiben, sondern “unter der Hand” dem Favoriten zuzusichern. Auch werden Männer bevorzugt, weil sie “eine Familie ernähren müssen” und deswegen mit dem Gehaltszuschlag gut bedient sind.
Frauen bekommen oft gar nicht die Gelegenheit, sich in der Hierarchie hochzuarbeiten, weil sie schlichtweg nicht in Kenntnis gesetzt werden.
Ein weiterer Grund kann sein, dass Frauen sich, sofern sie von einer zu besetzenden höheren Stelle wissen, sich dagegen entscheiden, weil sie entweder a) sich selber als nicht ausreichend qualifiziert betrachten, und b) (ein viel realistischeres Anliegen) dadurch noch weniger Möglichkeiten haben, Aspekte von Karriere und potentieller/existenter Familienplanung unter einen Hut zu bringen. Nach wie vor stehen Frauen wesentlich häufiger vor diesem Problem als Männer.
Es ist also Unsinn, zu behaupten, eine Frauenquote würde es allen Frauen unabhängig von ihrer Qualifikation ermöglichen, einen höheren beruflichen Posten anzustreben. Denn schon Frauen mit gleichwertiger oder höherer Qualifikation finden selten einen Weg in die Chefetagen.
Damit komme ich nahtlos zum zweiten Punkt:
“Frauen können sich einfach nicht genug durchsetzen. Ein bisschen mehr Biss und sie schaffen es auch in die Vorstände.”
Eine bessere Demonstration des Umstandes, wie sehr die Ansprüche an eine Führungsperson mit typisch “männlichen Werten” (Kraft, Härte, Durchsetzungsfähigkeit, Risikofreude, Skrupellosigkeit) konnotiert sind, gibt es gar nicht. Im Regelfall erwartet man von jemandem, der die Verantwortung über eine Vielzahl von Menschen und/oder Ressourcen hat, eine gewisse Stabilität, Charisma, Durchsetzungsvermögen, Flexibilität. Es braucht eine Neudefinition dessen, was Führungsqualitäten bedeuten, und zwar insofern, dass sogenannte “soft skills” wie Teamfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Flexibilität nicht mehr als “typisch weibliche” und damit “unzureichende” oder “weiche” Fähigkeiten betrachtet werden. Es muss im Vordergrund stehen, mit seinen Mitarbeitern und den Ressourcen, die zur Verfügung stehen, verantwortungsbewusst umzugehen und das beste Resultat für alle Beteiligten zu erzielen, als um die – um es mal salopp auszudrücken – Dominanz-Rangelei männlicher Alphatiere. Ich möchte nicht sagen, dass alle Männer in Vorstandsetagen skrupellose, machohafte Sklaventreiber sind. Wo allerdings Männer unter sich sind, Männer mit derart besetzten Wertevorstellungen, etabliert sich ein Klima, in dem nachhaltiges, menschlich orientiertes Denken nicht die größte Rolle spielt. Dazu muss man nicht erst in Chefetagen gehen, es reicht ein Besuch im örtlichem Biergarten. Machismo lässt grüßen.
(Von dem sexistischen Aspekt, dass Frauen, die erfolgreich sein wollen, sich mehr und mehr männlichen Gebahren anpassen (müssen) – sowohl optisch als auch im Umgangston – halte ich an dieser Stelle bewusst Abstand. Jede Frau hat wohl schon einmal sinngemäß den Satz gehört oder gesagt, “mit Ausschnitt werde ich nicht ernst genommen” und das ist ein Faß, das woanders noch mal geöffnet werden muss.)
Anlässlich des Frauentages, und des Engagements der EU-Kommissarion Viviane Reding für die Frauenquote, lief heute morgen im Deutschlandradio Kultur ein Interview mit der finnischen Botschafterin in Deutschland, Päivi Luostarinen, das man hier nachlesen kann.
Finnland ist mit einer Quote von 40% weiblicher Vorstandskräfte in Politik und Wirtschaft europäischer Spitzenreiter; auch gehörte es zu den Ländern, die – wie Luostarinen erwähnt – bereits vor ca. 100 Jahren volle politische Rechte für Frauen etabliert haben. Meine These ist, dass sich über diesen langen Zeitraum, in dem Frauen gleichberechtigt die Möglichkeit hatten, politisch Einfluss zu nehmen, das Gesellschaftsbild des Geschlechterverhältnisses in Finnland gewiss ein anderes, liberaleres ist. Es wundert mich nicht, dass dort die Quoten von Frauen in Führungspositionen so gut sind, immerhin hatten das Land und seine Menschen 100 Jahre Zeit, eine Mentalität zu entwickeln, die das möglich macht.
Deutschland hingegen kämpft noch immer mit seiner geschichtsträchtigen Vergangenheit, und zeichnet sich historisch durch eine gewisse Wankelmütigkeit aus. Dass in einem Land, in dem alte, patriacharlische, verkrustete Strukturen noch immer so tief verankert sind, eine Idee wie die Frauenquote auf regen Widerstand stößt (und das sogar seitens Familienministerin Kristina Schröder und Bundeskanzlerin Angela Merkel, was man nun wirklich nicht verstehen muss), ist kaum verwunderlich; Deutschland hat in vergleichsweise kurzer Zeit massive ideologische und sozialpolitische Wechsel durchlebt, durch Einflüsse von außen und durch Eigendymanik. Es ist meiner Meinung nach noch längst nicht so weit, wirklich wichtige Dinge wie die Frauenquote oder den Atomausstieg in vollem (notwendigen) Umfang durchsetzen zu können. Für mein Gefühl klammert sich der durschnittliche Deutsche verzweifelt an dem fest, was er hat, weil es erst seit etwa 60 Jahren so etwas wie eine Konstante gibt, an dem sich Menschen orientieren und von wo aus sie eine Mentalität entwickeln können. Orientierungslosigkeit und die daraus resultierende massive Abwehrhaltung gegenüber Neuerungen sind eine logische Reaktion eines Volkes, dass eine kaum definierte Selbstwahrnehmung hat.
Zurück zum Thema: Was Luostarinen ebenfalls erwähnt, und das ist mein Schlüsselsatz:
[...] wenn man überlegen musste, ob es auch gute Frauen gibt, dann hat man immer die guten Frauen gefunden.
Sie sind also durchaus da, nicht nur in Finnland.
Ich glaube, dass zwei wesentliche Dinge passieren müssen, um zu ermöglichen, dass sich die Situation in Deutschland ähnlich entwickeln kann:
1) aktuell: die Angebote zur Kinderbetreuung müssen flächendeckender werden. Frauen, die arbeiten wollen, auch mit Hinblick auf ihre Karriere, sollen sich nicht entscheiden müssen, ob sie lieber erfolgreich oder Mutter werden wollen. Beides muss möglich sein, und das geht nur, wenn Firmen Kinderbetreuung integrieren, die U3-Plätze deutschlandweit ausgebaut werden und Väter mehr Möglichkeiten und auch Pflichten haben, wenn es um die familiäre Situation geht. Die finanzielle Absicherung für Familien muss solider werden und beiden Partner_innen ermöglichen, zu gleichen Teilen ihre Ziele verwirklichen zu können.
2) langfristig: die Steine, die Frauen von Kindesbeinen an durch ein heteronormativ geprägtes Millieu in den Weg gelegt werden, müssen beiseite geschafft werden. Wir brauchen mehr Mädchen in naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Bereichen; die Definition von dem, was “Mädchen tun” und “Jungen tun” (denn natürlich leiden Jungen und Männer häufig genau so sehr an dieser Identitätsmache) darf nicht ausschlaggebend für die spätere Orientierung sein, sie sollte sogar eigentlich ganz abgeschafft werden (aber das ist so ein Traumziel). Die nächste Generation muss mit dem Wissen heranwachsen, dass sie als Persönlichkeiten mit Schwächen und Stärken im Vordergrund stehen, während biologisches und soziales Geschlecht höchstens eine Nebenrolle übernehmen sollten. Kommende Kinder und Jugendliche müssen die Freiheit haben, sich als Individuen zu entwickeln, ohne eine Beeinflussung oder Wegweisung durch einen so wenig beeinflussbaren Faktor wie das (biologische) Geschlecht³.
Mein Fazit: wir brauchen eine Frauenquote, und das sehr dringend.
Und wir sollten jetzt anfangen, die Vorraussetzungen dafür zu schaffen, vorzuarbeiten, soweit der Stand unserer Gesellschaft das zulässt, um auch irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem das austarierte Verhältnis der Geschlechter in Gremien aller Art kein Thema mehr ist – wo in einer Bevölkerung beide Geschlechter zugegen sind, müssen auch beide die Entscheidungen gemeinsam für Belange treffen, die alle angehen.
¹) In einer patriarcharlisch geprägten Gesellschaft sind Equivalist_innen wahrscheinlich automatisch Feminist_innen – immerhin bemühen wir uns, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu schaffen, statt ein Matriarchat zu etablieren. Im Grunde geht es nämlich nur darum: allgemeine Gleichstellung, die auch real in allen Lebensbereichen stattfindet.
²) Mit Frauen sind hier alle Menschen gemeint, die sich als Frau definieren (trans*, cis* und inter*).
³) In meiner kleinen Idealwelt ist Heteronormativität Schnee von gestern und die Selbstdefinition als cis*, trans* inter* sowie die Freiheit zu allen Arten sexueller Orientierung so alltäglich wie die Existenz brauner und blauer Augen. Man braucht ja so Träume, um nicht angesichts des vielen Gruppenkuschelns am Facepalmenstand in der aktuellen Welt einen Koller zu kriegen.
Fundstücke, Gedachtes
2012, 8. März, Deutschland, Feminismus, feministisches Vokabular, Finnland, Frauenquote, gesellschaftspolitisch, Gleichberechtigung, Heteronormativität, Internationaler Frauentag