KW12 | Klarname

Solange Menschen am Telefon noch buchstabieren müssen, kann von “Klarname” keine Rede sein.

Und überhaupt, wann ist ein Name klar?
Kann ein Name überhaupt unklar sein?
Ich bin mir ja nicht mal im Klaren darüber, wer ich bin, da kann doch keiner von mir verlangen, dass mein Name klar ist. Außerdem habe ich mir den nicht ausgesucht. Meinen Klarnamen haben mir andere Menschen sehr unkonsensuell aufgedrückt, was für mich eigentlich gar nicht klar geht, weswegen ich mir einen anderen Namen ausgesucht habe, zumindest im Internet. Der ist vielleicht nicht klar und sagt nicht aus, was meine Eltern  damals getrunken haben (was Klares, vermute ich), aber immerhin ist es meiner und das an sich ist schon eine klare Ansage.

Klar soweit?

Was bisher geschah, findet ihr auf dem Projektblog

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[Rezension] Tom Bullough – Die Mechanik des Himmels


aus dem Englischen übersetzt von Thomas Melle

C.H. Beck 2012
229 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-406-62998-3
EUR 18,95
erschienen am 9. Februar 2012
auch als E-Book erhältlich

Russland im Jahr 1867. Konstantin Ziolkowski, Kostja gerufen, ist zehn Jahre alt, als er nach einem Ausflug in den verschneiten Wald um seinen Heimatort Rjasan schwer an Scharlach erkrankt und infolge dessen weitestgehend gehörlos wird. Als sein Vater, um die zehnköpfige Familie weiter ernähren zu können, zum Arbeiten in das weit entfernte Wjatka ziehen muss, folgt die Familie ihm nach Kostjas Genesung nach. Doch nicht nur durch seine Schwerhörigkeit scheitert Kostja beim Besuch des Gymnasiums; nach dem Tod seiner Mutter versucht der Vater, der um die technische und mathematische Begabung seines Sohnes weiß, ihm eine bessere Chance zu verschaffen, und so zieht Kostja mit einem Empfehlungsschreiben und der Hoffnung,  an der Technischen Berufsschule studieren zu können, nach Moskau.

Auf den ersten Blick fällt das schöne Cover auf: es zeigt Konstantin Ziolkowski höchstpersönlich, umgeben von zahlreichen technischen Skizzen und er Andeutung eines Hörrohrs, wie er es in späteren Jahren benutze.

Die Mechanik des Himmels ist eine buchstäbliche Reise durch das Leben Konstantins und wie bei jeder Reise gibt es Phasen, in denen sich der Weg zieht wie Kaugummi und man es kaum erwarten kann, an den nächsten Zwischenhalt zu kommen; ebenso gibt es diese kleinen Augenblicke, wenn man aus einem Tunnel fährt und plötzlich die schönste Aussicht der Welt vor Augen hat. Statt Metern und Meilen misst man hier in Werst und Arschin; Kostjas Familie zieht auf der Weg nach Wjatka durch eine Vielzahl kleiner Orte, deren Namen dem durschnittlichen deutschen Leser nichts sagen dürften, und deren geographische Einordnung sich nur auf die Entfernung zum Heimatort oder Moskau bezieht. Es ist eine alles andere als unbeschwerte, fröhliche Kindheit, die Kostja verlebt, und grade darin spiegelt sich sehr realistisch der Alltag im bäuerlichen Russland des 19. Jahrhunderts wieder.

Das Buch ist in Kapitel unterteilt, die jeweils nach den Lebensabschnitten und wichtigen Schlüsselerlebnissen Konstantins benannt sind; innerhalb der Kapitel findet eine chronologische Aufteilung statt, mal von Monat zu Monat, mal mit jahrelanger Unterbrechung. Das macht die Orientierung, in welcher Zeit und in welchem Alter sich die Charaktere befinden, leicht.

Es ist mir nur teilweise gelungen, mich auf das Erzählte einzulassen. Nach dem erste Drittel folgte erstmal eine Pause, ehe ich es wieder zur Hand nahm und in einem Zug durchlas. Trotz der genauen Recherche und den bestimmt umfassenden mathematischen und physikalischen Hintergründen, die Tom Bullough ausbreitet, bleibt Konstantin als Protagonist eher farblos. Er gilt als geistiger Vater der russischen Raumfahrt – doch die einzigen Momente im Buch, in denen ich ihn wirklich spannend fand, waren die menschlichen.
Der an Scharlach erkrankte Kostja, der jugendliche Kostantin auf dem Weg nach Moskau, der Mathematiklehrer Konstantin Ziolkowski, der spätere Ehemann und Vater, diese Aspekte schafften es, meine Aufmerksamkeit zu fesseln; ich muss dem Buch zu gute halten, dass es sich nicht mit unnötigen, verwirrenden Liebesgeschichten aufhält. Die Begegnung und Beziehung zwischen Konstantin und seiner späteren Frau Varja ist einer der leisen, unauffälligen Sorte, ohne große Gesten, bei denen man sofort spürt, dass zwischen ihnen etwas stattfindet. Trotzdem hätte ich mir mehr gewünscht, zu erfahren, was in diesem zweifellos genialen Kopf vorgegangen sein muss.
Auch der Umstand, dass er trotz seines Handicaps nicht von seinen Wünschen und Zielen ablässt, erscheint eher nebensächlich; ich konnte mich zu wenig mit ihm identifizieren. Erst der Wendepunkt seines Lebens, die Anstellung als Mathematiklehrer in Kaluga, und seine Freude an dem, was er seinen Schülern vermittelt, haben ihn mir zum Ende hin etwas näher gebracht.

Was die physikalischen und mathematischen Details angeht, hat der Autor durchaus seine Hausaufgaben gemacht (sofern ich das beurteilen kann; mein Wissen in diesem Gebiet ist begrenzt); aber auch deswegen habe ich mich durch Teile der Geschichte gekämpft. Hinzu kamen die wort- und detailreichen Beschreibungen der vielen Stationen, die Kostja und seine Familie auf dem Weg nach Wjatka erreichen. Es mag der Übersetzung geschuldet sein, dass die Sprache des Autors unnötig verschachtelt und mit Adjektiven überladen wirkt. Immer wieder schafft Tom Bullough es, den Leser heranzuholen, ihn hineinzuziehen in seine Bilder, um ihn dann sehr abrupt und unerwartet wieder fallen zu lassen. Es sind zu viele Bilder und zu viele Beschreibungen, um ein inneres Panorama entstehen zu lassen.

Das Buch endet mit einem Prolog im Jahr 1965 – fast 100 Jahre nach Konstantins Geburt – , der den Flug der Woschod 2 aus Perspektive des Kosmonauten Alexei Leonows erzählt, der erste Mensch es schaffte, sein Raumschiff zu verlassen und frei im All zu schweben. Dieser Wechsel kommt etwas unerwartet, weil im ganze Verlauf des Romans – für mich zumindest – das Bahnbrechende an Konstantins Werken nicht klar wird, aber objektiv wird deutlich, dass der spätere Erfolg der russischen Raumfahrt auf seinen Überlegungen beruht.

Fazit: ein lesenswerter Roman, trotz trockener Episoden. Leider gelingt der Spagat zwischen Biographie und Erzählung nicht hunderprozentig. Es mag allegorisch sein, dass sich Konstantin Ziolkowskis Geschichte nach der Ankunft in Moskau so viel leichter liest – aus der unwegsamen, beschwerlichen Kindheit in die Universitätstadt -, deswegen vergebe ich auch im Respekt an die Arbeit des Autors

3,5 von 5 Sternen

Diese Rezension entstand im Rahmen des Projekts “Blogg dein Buch”.
Genaueres dazu und zu den Bedingungen findet ihr hier.
Vielen Dank für die Bereitstellung des Buches durch den Verlag!

Tagebuchbloggerei, 12. März 2012.

An manchen Tagen greifen alle Dinge nahtlos ineinander.
Keine großen Auffälligkeiten, weder positiv noch negativ, und trotzdem – oder grade deswegen – dieses tiefe innere Gefühl von Zufriedenheit und einer heiteren Haltung zum Leben. Es ist entspannend, insgesamt 4 Stunden nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein. Man muss nicht denken. Einfach umsteigen, in den nächsten Zug oder Bus, und sich über Umwege zu Ziel tragen lassen. Dann das Gespräch mit dem Arzt, der mich so viele Jahre kennt, aus dem ich mit diesem Gefühl gehe, es richtig gemacht zu haben in den letzten Wochen; auch stelle ich immer wieder fest, dass dieser Arzt sehr wichtig für meinen Lebenslauf war – so groß ist seine Erleichterung und (professionelle) Freude über meinen neuen Therapieplatz, über die Bewerbung für ein FSJ Kultur, über mein Befinden. Ich trage diese stille Euphorie wie eine Kerze vor mir her (ich kenne viele Arten von Euphorie an mir, aber die mag ich am liebsten, weil sie mir ehrlich erscheint.)

In zwei verschiedenen Bahnen muss ich sitzen, um an’s Ziel und zurück zu kommen, und wo ich einsteige, sind immer Menschen um mich herum mit Büchern. An manchen Orten mehr, an anderen weniger – im einen Stadtteil sitzen um mich herum vier weitere Lesende im nähere Umfeld, in einem anderen wird mein Exemplar von “Tiere essen” sehr seltsam beäugt – ob das so ist, weil ich lese, oder weil ich das lese – keine Ahnung.

Bücher lesen jedenfalls tut gut, stelle ich immer wieder fest.
Eine ganze Weile kam ich nicht dazu; nicht, weil ich so schrecklich viel zu tun gehabt hätte – manchmal allerdings auch das – sondern weil in meinem Kopf keine Ruhe dafür war. Dann nahm ich gestern das Buch zur Hand, das ich für das Blogg dein Buch-Projekt lese und rezensieren will, und las die drei Viertel, die noch vor mir lagen, einfach weg. Und nahm heute ein neues in die Hand. (Ich konnte im Zug lesen, ohne das mir schlecht wurde, auch etwas, das nicht oft passiert.) Lesen – etwas anderes lesen als Online-Artikel und Blogs und Tweets – macht den Kopf ruhiger und bietet die gleichen Erfahrungen.  Ich liebe das Internet, aber an Tagen wie heute macht es mich unnötig wuschig.

Wenn man mich fragen würde, meine Stimmung in ein, zwei Worten zu beschreiben, würde ich sagen: heiter und zuversichtlich. Auf einer Skala von 1 bis 10 bin ich bei einer 7 und manchmal auch bei 8. (Es könnte sein, dass es noch was Besseres gibt, weswegen ich die 9 und die 10 lieber erstmal  unbesetzt lasse.)

6.

Ein weiteres Jahr im Land, ein weiteres Jahr der Halbbluthobbit-Blog.
Er wird bald eingeschult, verliert seine ersten Zähne und ist nach wie vor mehr für Schokolade und Pizza zu begeistern als für alles andere.
Quasi wie seine Besitzerin.

Das Blogjahr in Zahlen: seit dem 9.3.2011 habe ich 117 Artikel veröffentlicht. Es sind 349 Kommentare und Pingbacks eingegangen (meine eigenen Antworten auf Kommentare mit eingerechnet). Seit März 2011 verzeichnet die Statistik 15.869 Aufrufe (… ich war mir grade nicht sicher, ob ich diese Zahl tatsächlich richtig geschrieben habe…), mit der monatlichen Höchstzahl an Besuchern im Januar 2012 von 2.210 (Halleluja.)  Der meistgelesene Artikel mit 348 Klicks ist der Aufruf zum SlutWalk, dicht gefolgt von dem Buszwischenfall mit 312 Besuchern. Am häufigsten finden Menschen via Twitter zu mir, im vergangenen Jahr waren es 1.679. Die meisten interessiert von hier aus mein Tumblr. Via Google fanden mich 123 Menschen mit dem Suchbegriff “schlampenparade” gefolgt von “halbbluthobbit” (40).
Ich habe 22 Verfolger via WordPress; die fleißigste Kommentatorin ist noch immer die Winternachtsträumerin mit 67 Kommentaren.

Es bleibt mir nur zusagen, was ich im letzten Jahr bereits schrieb:


Und ich denk ja gar nicht daran aufzuhören. Ich kann mir mein Leben ohne meinen Blog gar nicht mehr vorstellen. Er ist meine erste Anlaufstelle geworden, wenn ich etwas loswerden muss, oder wenn ich Feedback brauche. Die Internetperson Ninette Halbbluthobbit ist ein unabtrennbarer Teil meiner Person geworden. Und das Allerbeste ist: es gibt Menschen, die das verstehen, die mich jetzt auch in real kennen (♥) und enorm mein Leben bereichert haben.

Also, nochmal schwarz auf weiß: danke, dass ihr dafür gesorgt habt, dass ich eine Nische gefunden habe, einen Ort, wo ich das Gefühl habe, richtig zu sein und etwas zu können.

Gedanken zur Quote.

(Vorbemerkung: das hier sind nur meine Gedanken, und dieser Text hat keinen wissenschaftlichen Anspruch. Was ich schreibe und schlussfolgere, speist sich aus meinem aktuellen Wissensstand. Ergänzungen und Korrekturen sind in den Kommentaren sehr gerne gesehen!)

Es ist der 8. März, Internationaler Frauentag. Als selbstbezeichnete Feministin (bzw. Equivalistin¹) komme ich natürlich nicht daran vorbei, und finde dieses Datum generell ziemlich wichtig. Abgesehen davon, dass feministische Arbeit jeden Tag stattfindet; an einem besonderen Datum umfassend und medial zu informieren sorgt dafür, dass mehr Menschen hinhören, nachlesen und für den Rest des Jahres neuen Input zur Verbesserung der Lage beisteuern können.

Deswegen picke ich mir auch ein Thema raus, das im Moment wahrscheinlich wie kaum ein anderes polarisiert. Manch eine_r rollt schon mit den Augen, wenn nur das Wort Frauenquote fällt. In Gesprächen mit Menschen, die dem Ganzen eher kritisch gegenüberstehen, sind mir folgende Dinge aufgefallen.

  1. Der konstante Irrglaube, die Frauenquote diene dazu, Frauen² lediglich aufgrund der Tatsache, dass sie weiblich sind, in die Vorstände und in Führungspositionen zu katapultieren.
  2. Das Argument, dass Frauen doch schon gleichgestellt seien, und alle beruflichen Chancen hätten, sodass sich die Diskussion um die Frauenquote als Problematik entpuppt, die in der “mangelnden Durchsetzungkraft” der Frauen begründet ist.

Räumen wir also erstmal auf, bevor es zur Sache geht.

“Frauen werden mit der Quote nur eingestellt, weil sie Frauen sind.”

Falsch.

Das Phänomen, dem Frauen hier begegnen, nennt sich “Gläserne Decken”.
Natürlich haben Frauen rein theoretisch alle Möglichkeiten, ebenso hochgestellte, einflussreiche (und gut bezahlte) Positionen zu belegen wie ihre männlichen Kollegen. Dafür müssen sie die Gelegenheit bekommen, sich auf höhere Posten zu bewerben und befördert zu werden. Und genau daran scheitert es. Offenbar ist es in vielen Firmen und Instituten immer noch gängig, die höhergestellte Position erstmal den männlichen Kollegen anzubieten. Oder sie nicht öffentlich auszuschreiben, sondern “unter der Hand” dem Favoriten zuzusichern. Auch werden Männer bevorzugt, weil sie “eine Familie ernähren müssen” und deswegen mit dem Gehaltszuschlag gut bedient sind.

Frauen bekommen oft gar nicht die Gelegenheit, sich in der Hierarchie hochzuarbeiten, weil sie schlichtweg nicht in Kenntnis gesetzt werden.
Ein weiterer Grund kann sein, dass Frauen sich, sofern sie von einer zu besetzenden höheren Stelle wissen, sich dagegen entscheiden, weil sie entweder a) sich selber als nicht ausreichend qualifiziert betrachten, und b) (ein viel realistischeres Anliegen) dadurch noch weniger Möglichkeiten haben, Aspekte von Karriere und potentieller/existenter Familienplanung unter einen Hut zu bringen. Nach wie vor stehen Frauen wesentlich häufiger vor diesem Problem als Männer.

Es ist also Unsinn, zu behaupten, eine Frauenquote würde es allen Frauen unabhängig von ihrer Qualifikation ermöglichen, einen höheren beruflichen Posten anzustreben. Denn schon Frauen mit gleichwertiger oder höherer Qualifikation finden selten einen Weg in die Chefetagen.

Damit komme ich nahtlos zum zweiten Punkt:
“Frauen können sich einfach nicht genug durchsetzen. Ein bisschen mehr Biss und sie schaffen es auch in die Vorstände.”

Eine bessere Demonstration des Umstandes, wie sehr die Ansprüche an eine Führungsperson mit typisch “männlichen Werten” (Kraft, Härte, Durchsetzungsfähigkeit, Risikofreude, Skrupellosigkeit) konnotiert sind, gibt es gar nicht. Im Regelfall erwartet man von jemandem, der die Verantwortung über eine Vielzahl von Menschen und/oder Ressourcen hat, eine gewisse Stabilität, Charisma, Durchsetzungsvermögen, Flexibilität. Es braucht eine Neudefinition dessen, was Führungsqualitäten bedeuten, und zwar insofern, dass sogenannte “soft skills” wie Teamfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Flexibilität nicht mehr als “typisch weibliche” und damit “unzureichende” oder “weiche” Fähigkeiten betrachtet werden. Es muss im Vordergrund stehen, mit seinen Mitarbeitern und den Ressourcen, die zur Verfügung stehen, verantwortungsbewusst umzugehen und das beste Resultat für alle Beteiligten zu erzielen, als um die – um es mal salopp auszudrücken –  Dominanz-Rangelei männlicher Alphatiere. Ich möchte nicht sagen, dass alle Männer in Vorstandsetagen skrupellose, machohafte Sklaventreiber sind. Wo allerdings Männer unter sich sind, Männer mit derart besetzten Wertevorstellungen, etabliert sich ein Klima, in dem nachhaltiges, menschlich orientiertes Denken nicht die größte Rolle spielt. Dazu muss man nicht erst in Chefetagen gehen, es reicht ein Besuch im örtlichem Biergarten. Machismo lässt grüßen.
(Von dem sexistischen Aspekt, dass Frauen, die erfolgreich sein wollen, sich mehr und mehr männlichen Gebahren anpassen (müssen) –  sowohl optisch als auch im Umgangston – halte ich an dieser Stelle bewusst Abstand. Jede Frau hat wohl schon einmal sinngemäß den Satz gehört oder gesagt, “mit Ausschnitt werde ich nicht ernst genommen” und das ist ein Faß, das woanders noch mal geöffnet werden muss.)

Anlässlich des Frauentages, und des Engagements der EU-Kommissarion Viviane Reding für die Frauenquote, lief heute morgen im Deutschlandradio Kultur ein Interview mit der finnischen Botschafterin in Deutschland, Päivi Luostarinen, das man hier nachlesen kann.
Finnland ist mit einer Quote von 40% weiblicher Vorstandskräfte in Politik und Wirtschaft europäischer Spitzenreiter; auch gehörte es zu den Ländern, die – wie Luostarinen erwähnt –  bereits vor ca. 100 Jahren volle politische Rechte für Frauen etabliert haben. Meine These ist, dass sich über diesen langen Zeitraum, in dem Frauen gleichberechtigt die Möglichkeit hatten, politisch Einfluss zu nehmen, das Gesellschaftsbild des Geschlechterverhältnisses in Finnland gewiss ein anderes, liberaleres ist. Es wundert mich nicht, dass dort die Quoten von Frauen in Führungspositionen so gut sind, immerhin hatten das Land und seine Menschen 100 Jahre Zeit, eine Mentalität zu entwickeln, die das möglich macht.

Deutschland hingegen kämpft noch immer mit seiner geschichtsträchtigen Vergangenheit, und zeichnet sich historisch durch eine gewisse Wankelmütigkeit aus. Dass in einem Land, in dem alte, patriacharlische, verkrustete Strukturen noch immer so tief verankert sind, eine Idee wie die Frauenquote auf regen Widerstand stößt (und das sogar seitens Familienministerin Kristina Schröder und Bundeskanzlerin Angela Merkel, was man nun wirklich nicht verstehen muss), ist kaum verwunderlich; Deutschland hat in vergleichsweise kurzer Zeit massive ideologische und sozialpolitische Wechsel durchlebt, durch Einflüsse von außen und durch Eigendymanik. Es ist meiner Meinung nach noch längst nicht so weit, wirklich wichtige Dinge wie die Frauenquote oder den Atomausstieg in vollem (notwendigen) Umfang durchsetzen zu können. Für mein Gefühl klammert sich der durschnittliche Deutsche verzweifelt an dem fest, was er hat, weil es erst seit etwa 60 Jahren so etwas wie eine Konstante gibt, an dem sich Menschen orientieren und von wo aus sie eine Mentalität entwickeln können. Orientierungslosigkeit und die daraus resultierende massive Abwehrhaltung gegenüber Neuerungen sind eine logische Reaktion eines Volkes, dass eine kaum definierte Selbstwahrnehmung hat.

Zurück zum Thema:  Was Luostarinen ebenfalls erwähnt, und das ist mein Schlüsselsatz:

[...] wenn man überlegen musste, ob es auch gute Frauen gibt, dann hat man immer die guten Frauen gefunden.

Sie sind also durchaus da, nicht nur in Finnland.
Ich glaube, dass zwei wesentliche Dinge passieren müssen, um zu ermöglichen, dass sich die Situation in Deutschland ähnlich entwickeln kann:

1) aktuell:  die Angebote zur Kinderbetreuung müssen flächendeckender werden. Frauen, die arbeiten wollen, auch mit Hinblick auf ihre Karriere, sollen sich nicht entscheiden müssen, ob sie lieber erfolgreich oder Mutter werden wollen. Beides muss möglich sein, und das geht nur, wenn Firmen Kinderbetreuung integrieren, die U3-Plätze deutschlandweit ausgebaut werden und Väter mehr Möglichkeiten und auch Pflichten haben, wenn es um die familiäre Situation geht. Die finanzielle Absicherung für Familien muss solider werden und beiden Partner_innen ermöglichen, zu gleichen Teilen ihre Ziele verwirklichen zu können.
2) langfristig: die Steine, die Frauen von Kindesbeinen an durch ein heteronormativ geprägtes Millieu in den Weg gelegt werden, müssen beiseite geschafft werden. Wir brauchen mehr Mädchen in naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Bereichen; die Definition von dem, was “Mädchen tun” und “Jungen tun” (denn natürlich leiden Jungen und Männer häufig genau so sehr an dieser Identitätsmache) darf nicht ausschlaggebend für die spätere Orientierung sein, sie sollte sogar eigentlich ganz abgeschafft werden (aber das ist so ein Traumziel). Die nächste Generation muss mit dem Wissen heranwachsen, dass sie als Persönlichkeiten mit Schwächen und Stärken im Vordergrund stehen, während biologisches und soziales Geschlecht höchstens eine Nebenrolle übernehmen sollten. Kommende Kinder und Jugendliche müssen die Freiheit haben, sich als Individuen zu entwickeln, ohne eine Beeinflussung oder Wegweisung durch einen so wenig beeinflussbaren Faktor wie das (biologische) Geschlecht³.

Mein Fazit: wir brauchen eine Frauenquote, und das sehr dringend.
Und wir sollten jetzt anfangen, die Vorraussetzungen dafür zu schaffen, vorzuarbeiten, soweit der Stand unserer Gesellschaft das zulässt, um auch irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem das austarierte Verhältnis der Geschlechter in Gremien aller Art kein Thema mehr ist – wo in einer Bevölkerung beide Geschlechter zugegen sind, müssen auch beide die Entscheidungen gemeinsam für Belange treffen, die alle angehen.

¹) In einer patriarcharlisch geprägten Gesellschaft sind Equivalist_innen wahrscheinlich automatisch Feminist_innen –  immerhin bemühen wir uns, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu schaffen, statt ein Matriarchat zu etablieren. Im Grunde geht es nämlich nur darum: allgemeine Gleichstellung, die auch real in allen Lebensbereichen stattfindet.
²) Mit Frauen sind hier alle Menschen gemeint, die sich als Frau definieren (trans*, cis* und inter*).
³) In meiner kleinen Idealwelt ist Heteronormativität Schnee von gestern und die Selbstdefinition als cis*, trans* inter* sowie die Freiheit zu allen Arten sexueller Orientierung so alltäglich wie die Existenz brauner und blauer Augen.  Man braucht ja so Träume, um nicht angesichts des vielen Gruppenkuschelns am Facepalmenstand in der aktuellen Welt einen Koller zu kriegen.

Tapetenwechsel.

Der langsam anlaufende Frühling erhält auch Einzug in meinem Kopf und äußert sich sich dem radikalen Bedürfnis nach “neu, jetzt, alles, sofort.
Leider sind meine Möglichkeiten, die Dinge, die ich grade unbedingt ändern möchte, tatsächlich anzugehen, nur begrenzt, weswegen sich dieser neugewonnene Aktivismus erst mal auf mein Blogdesign auswirkt. Mal was anderes, so ohne Seitennavigation, man muss sich glatt auf den Inhalt konzentrieren. Vermutlich setzt mich dieser Umstand bald so unter Druck, dass ich wieder zu meinem bibliopilen Pilcrow-Theme wechsle, aber wie die schöne englische Sprache sagt: give it a shot.

Außerdem, sehr klassisch, hier bricht der Frühlingsputz aus im Hause Halbbluthobbit. Nicht zuletzt, weil ich in den kommenden Monaten Besuch von  wunderbaren Menschen erwarte (die Couchblockade geht in die zweite Runde), auch nach fast einem Jahr (schon?!) in dieser Wohnung packt mich das Bedürfnis, die Ecken gemütlich zu gestalten, die im Zeitraum nach meinem Einzug erstmal nur sehr provisorisch eingerichtet waren. Dieses Nestbaubedürfnis zeigt sich völlig unbeeindruckt von dem Umstand, dass ich vielleicht bald wieder umziehen muss – und vielleicht auch ein wenig will. (Nein, ich bin nicht schwanger. Nur rastlos. Es sei denn, der liebe Herrgott segnet mich mit der zweiten unbefleckten Empfängnis der Menschheitsgeschichte. Oder der ersten, je nach dem, wie man es nimmt.)

Vor einem Jahr bin ich hier eingezogen. Und von daheim ausgezogen. Und wahrscheinlich war das eines der besten Projekte meines bisherigen Lebens.
(Denkt euch bitte hier einen meiner kitschigen Vorträge hin, was sich in der Zeit so alles verändert hat.) Im Jahresrückblick für 2011 schrieb ich, dass dieses Jahr so gut war, dass ich Angst habe, dass 2012 eine wahrhaftige Arschkrampe werden muss. Das nehme ich zurück – für 2012 sind schon so viele Weichen gestellt, dass es entweder genauso gut, oder zumindest anders besser wird, gemessen an dem Umstand, dass ich schon vieles weggesteckt habe und daher von der Schlechtigkeit der Welt schwerer zu beeindrucken bin. (Das ist keine Aufforderung, dich besonders ins Zeug zu legen, liebes Schicksal.)

Rumheulen und das Bedürfnis, sich im Bett zusammenzurollen und durchweg Realitätsflucht zu betreiben, sind die eine Sache; aber es sollte dann wenigstens um einen herum nett aussehen, sodass man sich vollends aufs Rumheulen konzentrieren kann und nicht noch überlegen muss, ob gepunktete Gardinen bei gestreiften Tapeten so eine tolle Idee waren.

Man muss es sich ja auch nicht schwerer machen als nötig.

Futtercontent: Hähnchencurry ohne Hähnchen.

Oder: was passiert, wenn einem die Avocado für’s Pesto fröhlich wegschimmelt und spontanes Erfinden von Alternativen gefragt ist. Also schuf ich Hähnchencurry ohne Hähnchen – hundertprozent self made.

Für zwei Portionen:

- einen Kochbeutel Reis

- eine rote und eine gelbe Paprika
- zwei Frühlingszwiebeln
- jede Menge Gewürze:
Meersalz
schwarzer Pfeffer
süßes Paprikapulver
Curry
Ingwer
Agavendicksaft
Tomatenmark

(Zum Hähnchencurry ohne namensgebendes Tier wurde es durch eine Gewürzpaste, die ich noch hier hatte, die sich im Wesentlichen aus Kokosmilch, Gewürzen, Schalotten und good ol’ Hefeextrakt zusammensetzt.)

Die Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden, die Paprika in Würfel, und dann in ordentlich heißem Sonnenblumenöl anbraten. Die ersten Gewürze drüber – Meersalz, Pfeffer, Paprika – und nach etwa 5 Minuten habe ich das Gemüse mit einem Becher Wasser abgelöscht (ca. 300 ml).

(Parallel dazu kochte der Reis in der Mikrowelle – ich bin ja mit Kochplatten und Töpfen etwas dürftig ausgestattet.)

In den Sud kamen zwei Teelöffeln von der Gewürzpaste, dann Curry, Ingwer, noch mehr Paprika, noch mehr Curry und – nach etwa 10 Minuten Einkochzeit – Tomatenmark und Agavendicksaft, um die Sauce etwas anzudicken.

Man nehme, was die Gewürzkiste hergibt...

Ich präsentiere, die Hobbitküche mit Ausblick auf meine Gewürzsammlung (übrigens in einer Tupperdose von Mirka, in der sich mal sehr leckere vegane Nussecken befanden).

Die zweite Portion. Die erste überlebte nicht lang genug für ein Bild.

Kochen funktioniert ja auch nach dem Prinzip: alles zusammenwerfen und gucken, wie es schmeckt. Einzig, als Futterblogger steht man einem Nachteil gegenüber:

Das wunderbare hier dran: die süße Paprika, gut begleitet von Tomatenmark und Honigersatz, und dahinter direkt Curry und eine leichte Schärfe von Pfeffer und Ingwer. Eigentlich kann man das Zeug auch pur essen.

Zugegeben, die Gewürzmischung lässt nicht grade Hähnchenfeeling aufkommen, allerdings klang “Paprikapfanne” nicht viel spannender. Das nächste Mal kommen vegetarische “chicken nuggets” oder Tofuwürstchen dazu, damit sich das Gemüse in der Pfanne nicht so alleine fühlen muss.

Nächster Plan dann: Avocadopesto.

Über den Tellerrand.

In ganz kleinen Dimensionen beginne ich zu verstehen, dass ich einen Platz finden werde (weil ich nie stehenbleibe); glücklich sein ist wichtiger als anderen etwas beweisen, und manchmal müssen Zugeständnisse gemacht werden. Noch fuhrwerkt es in meinem Kopf vor sich hin, aber der Gedanke (dass alles wird, dass alles seinen Platz findet, dass es nicht nur einen Weg gibt, und nicht nur einer mich glücklich machen kann) kommt immer öfter.
Es gibt viele Möglichkeiten.

- Notizbuchfragment, 29. Februar 2012

Twitter-Lieblinge im Februar.

Sternchenkönigin des Monats ist mit Abstand @dramalovesme:

Diesen Monat gab es gleich zwei Hochzeitsversprechen in der Timeline.
Leute, wenn ihr so weitermacht, ist das allgemeine Bild des durchschnittlichen Twitterers bald nicht mehr haltbar.
(Ich meine natürlich, herzlichen Glückwunsch!)

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Sonderedition im Februar – @JuneDown hat die letzte Sherlock-Episode gesehen und wir kommunizierten parallel via SMS und Twitter, während meine Emotionen sich nicht zwischen Lach- und Heulkrampf entscheiden konnten.

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Weitere Sternchen bei:
PatschBella
Stadneurotiker
Kaltmamsell

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