Gebrauchsanweisung, um einen Tag mit wichtigem Termin bestmöglich von vornherein zu torpedieren.

Man stehe morgens wesentlich später auf als man geplant hatte – etwa eine Stunde vor Beginn des Termins ist völlig ausreichend -, um die passende Stimmung gemessen an der Situation heraufzubeschwören.
Man packe in aller Eile seine Unterlagen zusammen, um anschließend festzustellen, dass der Drucker seine Trotzphase hat und sich weigert, den Lebenslauf auszudrucken, sodass man ohne gehen muss.

Sofern schminkaffin, versuche man, sich einigermaßen nett herzurichten und male dabei einen Lidstrich wie einen Pornobalken, der sich aus zeitlichen Gründen nicht mehr angemessen retuschieren lässt.
Zum Abschluss von Phase Eins vergesse man, sich einen Kaffee zu machen und im Thermobecher mitzunehmen.

Der Anfang für einen wunderbar beschissenen Tag ist hiermit erfolgreich geschaffen.

Zugegeben: ich hatte schon schlechtere Tage.
Andererseits: aus dem Gebäude zu treten und so gefrustet zu sein, dass ich die 15 Minuten Fußweg nach Hause bereits heulend verbringe, ist auch eine Leistung.

Erstmal Florence + the machine hören, ein bisschen rumflennen, sich ein bisschen leidtun, und dann wütend und schnupfend eine To do-Liste schreiben, wie ich es diesen Spinnern vom Jobcenter schon beweisen würde.

Der Stand der Dinge:
Aktuell warte ich auf den Bescheid des Regierungsbezirks bzw. des Kollegs, dass ich dort hingehen darf, obwohl ich die Bedingungen nicht vollends erfülle. Der Antrag von Dezember ist noch in Bearbeitung, auf unbestimmte Zeit. Für mich heißt das, seitdem im Dezember mein Praktikum endete: warten.
Oder, wie es sich anfühlt – in den Seilen hängen.
“Ob” und “wann” sind völlig unklar, so dass ich keine Entscheidung treffen kann, die irgendwie weiterreichend ist. Jetzt allerdings bin ich schon alleine zur Sicherung meiner Amtsbezüge gezwungen, mich, auf gut Deutsch, auf allen möglichen Scheiß zu bewerben. In logischer Konsequenz bin ich verpflichtet, mir schnellstmöglich eine Arbeit zu suchen, um kein weiteres ALG II zu benötigen. Das ist auch nicht der Punkt.

Es ist mehr – und das ist es was mich heute so unsagbar frustriert hat -, dass ich mich auf alles bewerben muss, was mir das Amt zuschickt (also Vollzeit- oder Teilzeitstellen in Verkauf, Produktion oder dergleichen), und mich parallel bewerben soll – auch auf Ausbildungsstellen.
Ich habe es schon mal gesagt, und auch heute erwähnt: mein Abschluss reicht aus verschiedenen Gründen nicht aus, den Beruf zu lernen, den ich machen will. Ich habe einen Beruf, eine Richtung, eine Branche, in der ich arbeiten will und in der ich gut arbeiten könnte. Dafür habe ich überhaupt den erneuten Schulbesuch angeleiert.

Relevant für die Dame vom Jobcenter heute war aber nur, dass ich möglichst schnell in einem Ausbilungsverhältnis unterkomme. Und, wenn ich in meinem Wunschbereich nichts finde, mir “Alternativen erarbeiten” soll, für die mein Abschluss ausreichen würde.  Dazu soll ich mir einen weiteren Termin bei der Berufsberatung holen.

Mir leuchten zwei Dinge nicht ein.
Erstens: ich habe doch bereits einen Plan. Ich würde gerne wieder zur Schule gehen und meinen Abschluss aufbessern.
Zweitens: soviel Jugendliche sitzen in der Berufsberatung und wissen nicht einmal ansatzweise, was sie wollen. Meine Sachbearbeiterin im vorherigen Wohnort sagte wörtlich zur mir “So welche wie Sie bräuchten wir hier öfter”.
Da habe ich einen Plan, habe mir mehrere Ausbildungsberufe herausgesucht, die für mich in Frage kämen und gehe grade sehr konkrete Wege, an dieses Ziel zu kommen – und dann wird mir nahegelegt, lieber mit meinem (übrigens schlechten und nicht repräsentativen) Schulabschluss irgendwas anderes zu machen, worauf ich vielleicht auch ein bisschen Bock hätte, damit ich endlich in eine Ausbildung finde?

Natürlich wäre eine Ausbildung bombastisch. Ein erlernter Beruf, und ein Freifahrtschein zum zweiten Bildungsweg. Und: Gehalt. Nicht zu verachten. Geld bzw. der Mangel desse ist noch mal ein ganz anderes Kopfschmerzthema.
Natürlich will ich eine Ausbildungsstelle. Ich bekomme nur keine. Wahrscheinlich würde ich nicht mal in einem “Alternativbereich” problemlos eine Stelle bekommen, weil mein Zeugnis einfach unglaublich nachteilig für mich ist.

Weiterhin: die Dame hat schon recht, wenn sie sagt, dass je länger es dauert, es immer schwerer für mich wird, die Lücken in meinem Lebenslauf zu erklären. Generell ist das ein Punkt, der mich an schlechten Tagen – wie heute – enorm runterzieht. Mein Lebenslauf hat schon Lücken, Krankheitsphasen, die ich erklären muss – wenn ich überhaupt die Gelegenheit bekomme.
Menschen wie ich, deren Lebenslauf nicht glatt und schön ist, die nicht das Muster Abschluss, FSJ, Studium, Ausbildung, wasauchimmer und alles direkt hintereinander aufweisen, finden nicht so leicht einen Platz, wo Personaler vielleicht auch mal zwischen den Zeilen lesen. Man fühlt sich bisweilen wie ein Mensch zweiter Klasse, in ständiger Erklärungsnot und mit dem Stigma der Unfähigkeit, und damit Unbrauchbarkeit, gebrandmarkt. Menschen wie ich sind immer in Zeitnot, immer bemüht, die Mängel irgendwie aufzupolieren, weil die Ansprüche an Bewerber so hoch geworden sind.

(Ups, ich schweife ab.)

Aber Aufgeben wäre einfach. Das kann jeder.
Es sieht nicht immer so aus, aber es wird alles gut werden.
Zumindest sage ich mir das immer und immer wieder.

Also schreibe ich Bewerbungen zu allem, was sie mir schicken und darüber hinaus. Ich versuche, trotz allem, eine Ausbildungsstelle zu bekommen, und hoffe, dass in absehbarer Zeit der Bescheid einflattert, dass mir das deutsche Bildungssystem noch eine Chance gibt. Normalerweise beginnt das Semester im Februar. Wenn ich Pech habe, kommt der Bescheid später, und ich fange erst im August an (freiwillig, weil mir wenig daran liegt, verspätet im Semester anzufangen. Dann lieber ein Semester warten und so beginnen wie alle anderen Neulinge auch.) Bis dahin werde ich mir irgendwas Jobmäßiges suchen müssen, ein weiteres Praktikum kommt nicht in Frage.

Falls es mit der Schule nicht klappt, bleibt auch nur die Hoffnung, stattdessen eine Ausbildung beginnen zu können. Und im allerschlimmsten Fall muss es dann ein Beruf sein, denn ich vielleicht nicht mit glühendem Enthusiamus mache. Hauptsache arbeiten, das ist doch das Credo in diesem Land, oder? Egal, ob es dich zufrieden macht, Hauptsache, du leistest deinen Teil zur Gesellschaft bei.

Aller vier Wochen muss ich antanzen und meine Bewerbungsbemühungen vorlegen. (Per se keine schlechte Sache, ich kann mit Deadlines gut arbeiten).

Heute morgen war ich einfach nur unzufrieden, gefrustet, fertig mit der Welt und nicht Willens, auch nur irgendwas zu tun. Inzwischen leuchtet mir zumindest ein, dass man sich um mehrere Dinge zugleich kümmern muss. Dass immer irgendein Plan B da sein muss, falls der Wunschplan A scheitert. Und ich sehe auch, dass mir meine Sachbearbeiterin weitestgehend geholfen hat, dass sie Recht hat, mit dem was sie sagt.

Das Ziel ist: einfach endlich mal irgendwo einen Platz haben, ob Schule oder Arbeit, etwas auf lange Sicht, für mehrere Jahre, und nicht mehr wie Staubkorn durch die Luft zu wirbeln, das wäre die größte Erleichterung.

Aber aufgeben kann jeder.
Ich werd’s nicht.