Es passieren gelegentlich derart schräge Dinge im realen Leben, vor denen sogar mein Hirn vor Neid erblasst. Wie zum Beispiel der Busfahrer zu Beginn der Woche, der sich einfach weigerte , weiterzufahren, weil er seinen Willen nicht bekam.
Nachmittags gegen 14 Uhr im großen Nachbarort mit Doppel-D. Der Bus ist verhältnismäßig voll, als ich einsteige, die Menschen knubbeln sich am Eingang, dann rückt es etwas auf, und ich schaffe es nach nur zwei Stationen, einen Sitzplatz in einer Vierergruppe zu ergattern. So weit, so angenehm.
Nach ein paar weiteren Haltestellen – der Bus ist in etwa nur noch halb so voll, wie es zu Beginn aussah – steht der Busfahrer auf; er ist ein Mann Ende 40, ein schnodderiger Typ, diese Art Busfahrer, die nicht grüßt, kein Bitte und Danke kennt und scheinbar jeden Fahrgast persönlich für den Bescheidenheitsgrad ihres Lebens verantwortlich macht. Er steht auf, halb aus seiner Fahrerkabine gebeugt und schnoddert wie ein Vater, de seiner Brut jetzt mal zur Ordnung rufen muss , “So, und jezz alle mal aufrücken.”
Ein bisschen mürrisch fangen die Leute an, weiter nach hinten durchzugehen, weiter, noch weiter, es wird sichtbar aufgeräumter im Bus, bis schließlich die komplette vordere Hälfte an Stehplätzen wieder frei ist. Lediglich eine junge Frau steht noch an der Stange neben der Tür, alles wartet, dass es weitergeht.
“Ja, Sie da, auch weiter.”
Die junge Frau registriert, dass sie gemeint ist, und setzt zu einem freundlichen Erklärungsversuch an, “ich steig an der nächsten Halstestelle sowieso-
“Ne, Sie gehen jetzt weiter, Sie behindern die Fahrgäste.” Schnodder.
Die junge Frau wird etwas ungehaltener.
“Wo behindere ich denn hier die Fahrgäste? Ich steige doch eh gleich-”, aber nein, das ist nicht relevant, sie soll weiter nach hinten gehen, das sagt Vattern und was Vattern sagt, wird einfach gemacht.
“Gehn Sie jetzt weiter.”
“Nein, warum?”
“Sie behindern die Fahrgäste.”
“Ich steige gleich aus und ich behindere niemanden!”
“Sie gehen jetzt weiter, sag ich.”
“Entschuldigung, was soll das?!”
“Gehn Sie jetzt durch, hab ich gesagt!”
“Nein!”
Ihr Akzent, das rollende R, wird stärker, je mehr sie sich erregt, Busfahrerpapa wird immer schnodderiger. Die anderen Fahrgäste murren schon, sie wollen weiter und signalisieren wortlos, dass er jetzt doch bitte nicht so einen Aufstand machen soll.
“Dann bleibt der Bus halt stehen. Dann müssen Sie alle warten.”
Die junge Frau mit dem rollenden R guckt ihn belustigt an.
“Sind Sie bescheuert?”
“Ja, gehn Sie weiter, sonst warte ich hier, dann fährt der Bus halt nicht.”
Busfahrerpapa hat inzwischen ein krebsrotes Gesicht und eine sehr laute Stimme.
Ein weiterer Fahrgast, ein älterer Herr, schaltet sich glucksend ein.
“Dann werden Sie mit der Polizei abgeholt.”
Die junge Frau hat Humor.
“Soll er machen, ich bleibe hier stehen.”
“Dann sind Sie wahrscheinlich sogar schneller da.”
Busfahrer-Papa steht immer noch wie ein verzweifeltes Rumpelstilzchen halb aus seiner Fahrerkabine gedreht. Ich möchte wissen, ob er sich auch am Schnurrbart zieht, wenn man ihn zu sehr provoziert, und drehe mich zu der standhaften Türblockiererin.
“Falls es Sie beruhigt, ich fühle mich keineswegs von Ihnen behindert.”
Sie grinst.
“Ich entschuldige mich vielmals, dass ich Sie alle hier so sehr behindere. Es tut mir leid.”
Rumpelstilzchen-Busfahrer-Papa setzt sich abrupt in seine Kabine zurück und macht etwas, das wir nicht sehen können. Währenddessen steigen immer mehr genervte Fahrgäste aus, die zu Fuß wahrscheinlich schneller ans Ziel kommen, als wenn sie warten bis Busfahrerpapas Zornesausbruch sich gelegt hat. Im Laufe der Szenerie verlassen etwa zehn zahlende Gäste den Bus.
Auch wir, die Überbleibsel, sind genervt, aber auch amüsiert, denn anscheinend hatte Busfahrerpapa-Rumpelstilzchen gehofft, wir würden die junge Dame mit dem eisernen Griff bitten, doch einfach um des lieben Friedens willen weiterzugehen. Stattdessen ist ihr die spontane Gruppensolidarität sicher.
Es dauert etwa zwei Minuten, bis Busfahrerpapas Widerstand bricht. Mit einem nicht zu verachtenden Maß an Trotz wirft er den Motor an, schließt die Türen und macht sich auf den unvermeidlichen Weg zu nächsten Haltestelle. Es fehlt wahrscheinlich nicht viel, bis alle im Bus laut auflachen, und als die junge Frau dann an der nächsten Haltestelle aussteigt, hat sie zwar zwei Minuten verloren, aber einen Kampf gewonnen.
Bis ich ebenfalls aussteigen muss, verläuft die Rest der Fahrt unter den weiteren Zeugen stumm und vergnüglich.

via *istische Kackscheiße
(Dieses “verbesserte” Werbeplakat hing übrigens an jenem S-Bahnhof, an dem ich umsteigen musste! Gefunden bei *istische Kackscheiße.)